Kreativität geht alle an - damit ist keiner verantwortlich??

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Heuristik und TRIZ

Ein aktueller und nötiger Diskussionsbeitrag, der zugleich die bisherige Entwicklung analysiert und darstellt, wie es mit TRIZ und der ihrer Verbreitung weitergehen könnte:

Zum Autor siehe bei www.kreativitaet4punkt0.de

 

Heuristiken beschäftigen die Wissenschaft schon seit Jahrhunderten.

Sie spielten im gesellschaftlichen Leben aber lange Zeit nur eine geringe Rolle, weil man sie meist den intuitiven Denkprozessen von Erfindern als Ausnahmetalenten zuordnete. Erst in den letzten Jahrzehnten ist durch eine Vielzahl von Forschungen und einer inzwischen merklichen Anwendung in der Praxis klar geworden, daß es sich nicht nur um einen Spezialfall von Kreativität, sondern um tägliches problemlösendes Denken in allen Schichten der Gesellschaft handelt. Selbst im Alltag wurden inzwischen Heuristiken gefunden, die uns helfen, auf direktem, erfahrungsgeleiteten Weg, mit unseren ständig zu bewältigenden Problemen in einer immer komplexeren Welt fertig zu werden.

 

Mit der Absicht, die Planwirtschaft leistungsfähiger zu machen, wurde in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der DDR eine größere Kampagne zur Entwicklung und Einführung einer "Wissenschaftsorganisation" gestartet. In diesem Zusammenhang beschäftigte man sich bald auch mit heuristischen Verfahren. Eine der verfolgten Richtungen war, Abläufe in den Entwurfs- und Entwicklungsprozessen der Ingenieurtätigkeit so zu verbessern, daß Ideen für neue Produkte schneller gefunden, Aufgaben besser formuliert, Arbeitspläne effizienter aufgestellt und kontrolliert, Ziele schneller und genauer erreicht werden könnten.

Kernpunkt war eine Systematisierung der Arbeitsabläufe, wobei vor allem Verfahren aus dem Bereich der Kreativitätsforschung und dort gefundene heuristische Regeln genutzt wurden. Folgerichtig wurde die neue Wissensrichtung "Systematische Heuristik" genannt.

Eine weitere Aufgabe der Wissenschaftsorganisation war die Entwicklung von "Maßnahmen zur Verbesserung der Patentsituation". Auf diesem Gebiet gab es in den Siebziger Jahren erhebliche Defizite, wodurch DDR-Produkte im internationalen Maßstab oft nicht konkurrenzfähig waren.

Ausgangspunkt wurden die Arbeiten von G.S. Altshuller aus der UdSSR, der gerade erste anwendungsfähige Ergebnisse für eine "Theorie der Erfindungen" publiziert hatte. In müh-samer Kleinarbeit untersuchte er tausende von Erfindungen auf ihren innovativen Inhalt und entwickelte einerseits eine Tabelle mit Denkanstößen für neuartige kreative Lösungen, ausgehend von vorhandenem Wissen, andererseits eine Theorie zum Suchen und Verwenden von Widersprüchen als übergeordnetes Handlungsprinzip einer "Theorie des Erfindens".

Diese Theorie wurde in den  Folgejahren weiterentwickelt und fand vor allem Interesse bei Fachleuten des Erfindungswesens und des kreativen Problemlösens im Sozialistischen Lager.

Die Arbeiten an der Systematischen Heuristik dagegen, wurden seitens der SED-Parteiführung kritisch gesehen und wegen ihrer Nähe zur verpönten Systemtheorie schließlich nicht mehr als anwendungsfähig betrachtet. Sie gerieten mehr und mehr in Vergessenheit.

Die  "Theorie zur Lösung erfinderischer Aufgaben" (TRIZ)  von G.S. Altshuller dagegen, überlebte dank der Hartnäckigkeit ihrer Verfechter auch Angriffe durch die sowjetische Führung, die bis zur Deportation ihres Erfinders in ein Straflager gingen. Sie wird bis in die heutige  Zeit als Strategie für ein zielgerechteres Erfinden und für die Produkt- und Portfolio- Gestaltung innovativer Unternehmen genutzt.

Nach 1990 wurde sie auch in den USA, und anderen 'westlichen' Ländern bekannt.

Inzwischen gibt es vielfache Weiterentwicklungen und Ergänzungen.

Dabei zeigen sich aber auch eine Reihe von Nachteilen, die mit ihrem Entstehen unter sozialistischen Verhältnissen zu tun haben. Die Gruppe um G.S. Altshuller bestand aus Idealisten, die sich mit ihren Vorstellungen von Kreativität gegen eine vorherrschende Ideologie und einen entsprechend orientierten Staatsapparat durchsetzen mußten. Wirtschaftliche Interessen an einer Erfindung spielten gegenüber der "Idealität" einer gefundenen Lösung eine untergeordnete Rolle.

Die unveränderte Verwendung einer solchen Theorie unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ist logischerweise problematisch. Trotzdem versucht seit längerer Zeit eine internationale Anwendungsgemeinschaft durch Umdeutungen und Ergänzungen die in der Planwirtschaft entstandene TRIZ  in ein gefragtes Produkt  der Marktwirtschaft zu verwan-deln.

Es haben sich eine Reihe von Organisationen, Plattformen und Unternehmen gebildet, die die Nutzung bewerben und entsprechende Ausbildungen organisieren.

Problemlösungen werden auch direkt als Dienstleistung angeboten. Über ein Graduierungssysten wird versucht, den Fachleuten für dieses Wissensgebiet einen inter-nationalen Markt zu erschließen. Weil bisher aber weiterhin vorrangig auf der Grundlage der von Altshuller entwickelten 'authentischen' TRIZ gearbeitet wird, ist der wirtschaftliche Erfolg bis heute mäßig, was ständig beklagt wird.

Inzwischen  muß festgestellt werden, daß es auch wieder Bedarf für die Ideenwelt der Systematischen Heuristik gibt. Nicht nur das kreative Problemlösen mit dem Ziel der Entwicklung neuer Produkte, sondern auch das Lösen von  Problemen, die durch die steigende Komplexität unserer Umwelt und Gesellschaft entstehen, hat enorm an Bedeutung zugenommen:

 „Je komplexer technische und organisatorische Systeme werden, umso mehr treten zugleich Grenzen der Kontrolle und Beherrschung auf. Diese Grenzen der Kontrollierbarkeit entstehen nicht (mehr) entlang der etablierten Unterscheidung von berechenbarer materiell-technischer 'Natur' einerseits und nichtberechenbarem sozial-kulturell 'Menschlichem' andererseits, sondern treten innerhalb komplexer technischer Anlagen und sozio-technischer Systeme auf. […]“

Diese Grenzen sind „nicht durch ein „Mehr“ an Wissenschaft und Technik ausschaltbar, sondern entstehen immer wieder in neuer Weise und auf neuem Niveau“ (Böhle 2009)82.
Die These ist, dass gerade in den Momenten ungeplanter Ereignisse und unerwarteter Problemlagen der rationalverstandesmäßige Handlungsmodus selbst an seine Grenzen gerät und andere Handlungsweisen relevant werden.

Das folgende Zitat von Böhle (2009) kann hierbei für alle diskutierten neueren Konzepte gelten, denn sie machen „darauf aufmerksam, dass Menschen Informationen nutzen und Informationsquellen erschließen können, die nicht präzise definierbar und beschreibbar sind, gleichwohl aber Auskunft über Eigenschaften und Wirkungsweisen konkreter Gegebenheiten geben, die einer objektivierenden, verstandesmäßig geleiteten sinnlichen Wahrnehmung nicht zugänglich sind.“ ( Zitat aus :Judith Neumer: Neue Forschungsansätze im Umgang mit Unsicherheit und Ungewissheit in Arbeit und Organisation :Zwischen Beherrschung und Ohnmacht.  bei: www.internationalmonitoring.com, RWTH Aachen,08.07.2009)

 

In letzter Zeit wird deshalb verstärkt nach Möglichkeiten gesucht, Problemlösungsprozesse auch unter Zielunsicherheit, fehlendem Wissen zu Ausgangsgrößen und Lösungsverfahren, störenden Kontexteinflüssen und fehlenden Ressourcen effektiv  zu gestalten. Dabei geht es weniger um die Neuartigkeit der Lösung, als um die schnelle, möglichst effektive Lösung von Problemen.  Sowohl das kreative Problemlösen nach TRIZ als auch das Problemlösen unter Unsicherheit und Zeitdruck haben dabei die Gemeinsamkeit, daß neue, innovative Hand-lungsfelder zu eröffnen und zu gestalten sind. Die Methodiken beider Wissensgebiete unterscheiden sich, die Denkansätze möglicherweise nicht.

Die Systematische Heuristik kann für den Anwender eine Hilfestellung bedeuten, um auch außerhalb der üblichen verstandesmäßigen Rationalität unter Zeit-und Handlungsdruck noch leistungsfähig zu sein.

Der Ansatz der SH, das problemlösende Denken der Ingenieurtätigkeit zu qualifizieren, könnte auch zielführend sein, um die Nutzung von Heuristiken in der heutigern komplexen Leistungsgesellschaft  mit ihrer IT-Orientierung weiter zu entwickeln. Die 'Transformation' der methodischen und ethischen Handlungsprinzipien des klassischen Ingenieuerwesens in die Welt der IT-Spezialisten ist bereits mehrfach erfolgreich angedacht worden.

Diese Entwicklung sollte aufgegriffen werden, und einerseits  der aktuelle Mangel an Wissen zu Aufbau,  Charakter und Leistungsfähigkeit von Heuristiken (man frage in der heutigen Studentengeneration nach dem Begriff Heuristik !), als auch andererseits die ungenügende theoretische und praktische Behandlung und Durchdringung des gesamten Wissensbereiches beseitigt werden.

Beispielsweise geht es um den  während der Entwicklung des Wissensgebietes der Heuristik mehrfach als Synonym für Heuristische Regeln benutzten Passus "Faustregel". Damit sollte ursprünglich auf eine verständliche Weise vermittelt werden, dass die Grundlage einer heuristisch determinierten Arbeitsweise vor allem die effektive Nutzung von Erfah-rungswissen ist. Dass es sich dabei nur um ein Synonym für einen der Aspekte der Anwendung von Heuristiken handelt, ging schon bald verloren, so dass man heute in vielen Veröffentlichungen und Enzyklopädien die Anwendung von Heuristiken einfach auf diesen Aspekt reduziert versteht und sie daher als 'unwissenschaftlich' und in der Praxis nicht brauchbar, brandmarkt.

Andererseits sind heuristische Arbeitsweisen unerläßlich, um einige für die heutige Gesell-schaft substanzielle Systemlösungen zu realisieren. Die bisherige Einschränkung des Begriffes muss daher baldmöglichst revidiert werden.

Die Ideen der Systematischen Heuristik - aufgearbeitet und den heutigen Nutzungs-bedingungen einer methodischen Handlungsunterstützung für das strukturierte Denken im Internetzeitalter angepasst -, könnten hier Wesentliches leisten.

TRIZ wiederum, sollte sich aus seiner unter den  gesellschaftlichen Bedingungen in der Sowjetunion entstanden Rolle als eigenständiges Wissensgebiet befreien und sich als Mitglied der großen Familie der Heuristiken begreifen. Damit erschließen sich vielfältige neue Impulse aus dem Erfahrungswissen anderer Anwendungsgebiete, die für eine Weiterentwicklung des kreativen Problemlösens außerordentlich wichtig sind. So kann beispielsweise der in der heutigen  IT-Gesellschaft logische Trend "Kreativität auf den Rechner zu bringen", der inzwischen auch TRIZ erfasst hat, nur richtig eingeschätzt  und aufgegriffen werden, wenn man für diese Theorie den Charakter einer Metaheuristik akzeptiert.

Der Focus auf das Erfinden ist ein weiteres der wesentlichen Hindernisse, warum die Innovationsmethodik TRIZ heute vielfach als Außenseiter betrachtet wird. Vielen ist noch nicht bewusst, dass die Bedeutung des Entwickelns von Patenten als kreatives Ziel innovativen Denkens, in der heutigen Gesellschaft stark an Bedeutung verloren hat. Einerseits sind mafiöse Strukturen auf dem Vormarsch, die das Patentrecht benutzen, um sich Vorteile im Markt zu Ungunsten Anderer zu verschaffen, andererseits können disruptive, also grundsätzlich neue Erfindungen und Problemlösungen heute fast nur noch kollektiv erzielt werden, was eine veränderte Haltung zu schutzwürdigem Wissen erzeugt hat.

D.Skrobotz

Dez. 2016/ Feb. 2018

 

 

 

 

 

 

 

TRIZ und systematische Heuristik (SH)

in der heutigen komplexen Gesellschaft

 

von D.Skrobotz